Wir tun wirklich alles für ein keimfreies Leben. Waschen uns die Hände. Reinigen allabendlich unser Gesicht. Stecken Desinfektionstücher ein, wenn wir in die Ferien fahren. Und natürlich nehmen wir Tampons (unsichtbar, unriechbar, Wegwerfprodukt) oder Binden (mit Supersaugkraft und Geruchsblocker).
Da klingt es erst einmal schräg, wenn Frauen (und das sind nicht nur Ökos und langjährige Menstruationsschwammbenutzerinnen) von ihrer neuesten Errungenschaft berichten: der Menstruationstasse. Das Gegenüber fragt dann: Hab ich das richtig verstanden...?
Jawohl, Sie haben und Ihre Fantasie geht in die absolut richtige Richtung: Es gibt Tassen, die schiebt frau sich während der Tage in ihre Vagina. Die Tasse ist eher ein Tässchen, ein Becherchen, in das je nach Modell eine Flüssigkeitsmenge zwischen 12 und 33 Milliliter hineinpasst. Nicht richtig viel also. Aber auch die Flüssigkeitsmenge, die wir während der Menstruation verlieren, dürfte bei den meisten Frauen 60 Milliliter kaum übersteigen.
«Viele reagieren angeekelt», sagt Franziska Neuhaus, die auf ihrer Webseite www.afriska.ch Menstruationstassen vorstellt und ein Modell vertreibt. Manche Frauen schreckt der Gedanke, der Behälter könnte überlaufen. Etwas Übung vorausgesetzt ist aber nicht zu befürchten, dass der Becherinhalt anderswo lande als im WC.
Was gegen die Tasse spricht, ist eindeutig weniger im Produkt selbst als vielmehr in unserer Reinheitskultur zu suchen: Igitt, ist die erste Reaktion, die vielen zum Thema einfällt. Schlimm genug, dass man blutet, da kann man wenigstens versuchen, den direkten Kontakt mit den Körperfluiden zu vermeiden. Ausserdem scheint es überflüssig, sich die unnützen Reste des Eisprungs auch noch vor Augen zu halten. Von solchen Zumutungen sind wir seit Erfindung des Tampons entbunden, der heiligen Jungfrau sei Dank.
Aber Abneigung hin oder her - auch das Einführen von Tampons geht nicht ganz ohne Anfassen. Und welche Zusatzstoffe wohl in der Wattezylindern stecken, die in den Frauen stecken?
Fakt ist, dass Menstruationstassen heute noch weitgehend unbekannt sind, obwohl sie unbestreitbare Vorteile bieten.
- Sparpotenzial: Ein Tampon kostet etwa 24 und eine Einlage rund 19 Rappen. Für eine über Jahre verwendbare Menstruationstasse dagegen sind je nach Hersteller 33 Franken (Mooncup ), 49 Franken (Lunette ) oder auch 50 Franken (Ladycup ) zu zahlen - einmal und nie wieder.
- Wiederverwendbarkeit: Tampons und Einlagen schmeisst man in den Müll (und nicht in die Toilette). Dagegen braucht man kein Arsenal an Menstruationstassen, eine reicht. Und die wird regelmässig in Wasser ausgekocht.
- Fortschritt: Zwar haben auch viele Gynäkologen keinen Schimmer. Aber die Amerikanerin Leona Chalmers, Autorin des Buchs «Woman's personal hygiene», reichte schon in den 1930er Jahren ein entsprechendes Patent ein. Die damals noch harten und schweren Gummibecher setzten sich allerdings nicht durch. Inzwischen hat der technologische Fortschritt für Verbesserungen gesorgt. Menstruationstassen bestehen aus medizinischem Silikon - aus dem gleichen Material wie Babyschnuller also.
Verändert das Tässchen gar das Business mit der Menstruation? Denn bisher werden in der Werbung diskrete blaue Flüssigkeiten von Watte aufgesogen (damit die Regel sauber und diskret abläuft ), Sportskanonen verrenken sich in blütenweisser Unterwäsche und atmen am offenen Fenster die Luft ganz tief ein. Inzwischen haben sogar einige Hersteller begriffen, wie absurd die Werbung ist - und benutzen eben diese Klischees , um ihre eigenen Produkte zu verkaufen. Pssst, wir reden eigentlich nicht drüber, aber wir haben einen Weg gefunden, wie wir ganz toll mit unserer Menstruation auskommen können: Ignorieren!
Da machen uns die bunten Tässchen einen Strich durch die Rechnung.
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